//// Dauer: 2:00 h
Die Zwanziger Jahre gelten als das Experimentierfeld der Moderne, das gesellschaftliche Großlabor, in dem auf die gewaltigen Umbrüche hektisch mit unzähligen Theorien, Utopien und ästhetischen Versuchen reagiert wurde; so auch in der Literatur und im Theater, das kaum jemand beherrschte wie Brecht. Mit Im Dickicht der Städte (1927) entwickelt er seine zeitdiagnostische Dramatik: er schreibt am Nullpunkt sozialer Kälte und angesichts der Verdinglichung aller menschlichen Beziehung. Am Horizont: Massenarbeitslosigkeit, Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise. Wenn alles Warencharakter annimmt, sogar Intimität und Begierden, erscheint Brecht das klassische dramatische Ringen um Macht, Geld oder Liebe veraltet. In avantgardistischem Sprachduktus gestaltet er den Kampf zweier Individuen als Inversion einer Liebesgeschichte. Wo keine Nähe durch Intimität herzustellen ist, füllt die Feindschaft das Vakuum. Letztes Ziel: den anderen und damit sich selbst im aufzehrenden Kampf noch einmal zu spüren. Shlink, dessen wirtschaftlicher Erfolg begleitet ist von emotionaler Verödung und Desillusionierung, wählt sich als ›Gegner‹ den jungen, mittelosen Idealisten John Garga, der noch glaubt, sich im Leben verwirklichen zu können. Jener sucht Bindung, dieser Freiheit - und stellt sich, die Motive Shlinks verkennend, der Herausforderung mit unverhältnismäßiger Härte. Der Spieleinsatz wächst, zunächst werden wirtschaftliche Bindungen, später von Garga auch menschliche geopfert, Schwester, Mutter, Freundin in den Malstrom des sich radikalisierenden Kampfes geworfen. Bereits vor der Hinwendung zur marxistischen Ideologie sah Brecht in seiner Zeit herkömmliche menschliche Verbindungen zusammenbrechen, und den ›Weltbürgerkrieg‹ Realität werden.
KRITIKEN
Welt am Sonntag, 8.11.09, Stefan Keim
"….es handelt sich um eine klar durchdachte Aufführung, die einen originellen Zugriff wagt auf Brechts seltsam sinnlichen Text... (...) Es gibt einige krasse Bilder, sehr körperlich agierende Schauspieler, die auch mal brüllen und in Wasserlachen ausrutschen..."
Wuppertaler Rundschau, 14.10.09, Stefan Seitz
"Blut, Schnaps und Tränen (...) Es ist ein Kampf Mann gegen Man, bis auf die Knochen und bis auf die Seelen. Und das der Holzhändler Shlink, der dieses Inferno entfesselt, hier in Wuppertal von Sophie Basse gespielt wird, macht das ganze noch härter. Ein Kampf Mann gegen Frau, die einen Mann spielt. Das Duo, das sich da gegenüber steht – Sophie Basse als Shlink und Daniel Breitfelder als Garga – schenkt sich nichts. Da ziehen zwei alle ihre Register und halten den Bogen bis zur letzten Sekunde. Da ist es fast egal, ob Mann oder Frau – da sind zwei Menschen, die um ihre gegenseitige Vernichtung kämpfen (...) Dialoge von beeindruckender Intensität."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.09, Andreas Rossmann
"Mit Verve, Fabulierlust und Vitalität führt diese Inszenierung vor, dass man Brecht spielen kann, indem man mit ihm spielt…"