»Hauptsache, geil abgeliefert.«
Wie startet man ins richtige Leben, wenn man doch nicht daran glaubt, älter als 40 zu werden? Wenn man mit einer manisch-depressiven Mutter in einer tristen Reihenhaussiedlung aufwächst? Wenn man ein hochbegabter Saxophonist ist und bei der Coverband »Tiffanys« landet, um von Dorf zu Dorf, von Schützenvereinsfeier zur Scheunenparty zu tingeln? Heinz Strunk hat mit Fleisch ist mein Gemüse die ungeschminkte Autobiographie seiner Erwachsenwerdung geschrieben und uns einen modernen Schelmenroman beschert, dem Kultstatus anhaftet. Denn was der Antiheld Heinz bei all diesen miesen Voraussetzungen behält, ist sein unverwüstlicher Humor, sein unverstellter Blick und seine Musik: das Rüstzeug im Kampf mit einer deprimierenden Jugendzeit dernAkneattacken, Alkoholexzesse und unfreiwilligen Askese gegenüber dem anderen Geschlecht. »Ein Schlager von Rang ist mehr 1950 / als 500 Seiten Kulturkrise.« dichtete 1951 Gottfried Benn … und da das auch für Heinz Strunk gilt, finden wir in dieser Landjugend mit Musik eine grotesk-komische und dabei bitterböse Mentalitätsgeschichte der 80er Jahre-Bundesrepublik, die sich über das schaurig-schöne Pop- und Schlager-Repertoire der »Tiffanys« erzählt. Übrigens: die von Schauspielern der Wuppertaler Bühnen mit Studenten der ›Schule des Theaters‹ im Theater der Keller, Köln gemeinsam erarbeitete Inszenierung wird auch für Vegetarier genießbar sein.
KRITIKEN
„Der Regisseurin Iwona Jera ist eine originelle und innovative, freche Inszenierung gelungen, die vor nichts zurückschreckt. Sie schafft es elegant, Elemente des grotesken polischen Theaters mit einer eigenwilligen Bildsprache zu verknüpfen.“ (Bergische Blätter, Moritz Holler, Januar 2010)
„Daniel Breitfelder spielt den Antihelden sehr körperlich, sehr facettenreich, sehr eindringlich. Idealer Gegenpart ist Maria Ammann... Sie jagen mit atemberaubendem Tempo dem Sinn des Lebens hinterher... Herrlich schräg spielt das Quartett um Heinz (musikalische Leitung: Christoph Titz).“ (Westdeutsche Zeitung, Martina Thöne, 01.02.2010)
„ Iwona Jera inszeniert das Stück über das Erwachsenwerden in der Provinz fast wie ein choreographisches Theater, mit Slapstick und Wiederholungen, die die Absurdität eines Alltags verdeutlichen, der jede Dimension verloren hat, in dem es nur noch darum geht, die Zeit tot zu schlagen. Witzig, provokant, grotesk, aber auch leise und nachdenklich serviert Jera den nicht gerade leicht verdaulichen Stoff, bei dem Vereinsamung und Sinnsuche Themen gebend sind... Iwona Jera setzt auf Tempo, lässt ihre Figuren von Szene zu Szene spurten, immer auf der Suche nach der Erfüllung. Dabei kann sie auf die Spielfreude und Darstellungskraft ihrer Hauptdarsteller setzen, die ihre Figuren facettenreich präsentieren, mal schnodderich geil, dann wieder verletzlich und einsam. Die unterstreichen wirkungsvoll die Kostüme von Dorien Thomsen. Aufgesetzte Nähte zeugen von notdürftig vertuschten Blessuren. Sandra lindes Bühnenbild sorgt für brüchige Fassade, die die Idee von heiler Welt gar nicht erst aufkommen lassen. Ein spannender Theaterabend, der im Kleinen Schauspielhaus den richtigen Rahmen findet.“ (Wuppertaler Rundschau, Sabina Bartholomä, 03.02.2010)