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Der alte König Lear ist amtsmüde und will sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen. Die, die ihn am meisten liebt und das auch wortreich bekunden kann, soll das größte Stück erhalten. Seine beiden älteren Töchter Goneril und Regan erledigen den Job mit heuchlerischer Routine; einzig Cordelia, die jüngste, findet für die Liebe, die sie als Tochter ohnedies für ihren Vater empfindet, keine zusätzlichen Worte. Lear ist unfähig, die Wahrheit zu erkennen; zornig enterbt er Cordelia und schlägt ihr Erbe Goneril und Regan zu. Einzige Bedingung: sie sollen ihn abwechselnd bei sich wohnen lassen und seinen Lebensabend finanzieren. Doch die beiden denken gar nicht daran und machen dem Alten das Leben zur Hölle. Allein gelassen irrt er während eines Sturms in der Heide umher und wird wahnsinnig. In seinem Wahn erkennt Lear seinen furchtbaren Irrtum, doch es ist bereits zu spät: das Reich zerfällt, das nun herrschende Chaos fordert seinen Tribut.
König Lear gehört zu Shakespeares späten Tragödien und ist wohl 1604/05 entstanden. Es basiert auf der alten britischen Sage vom König Leir und seinen drei Töchtern, in der allerdings sich die Handlung zum Guten wendet und Leir am Ende vom französischen König wieder in seine alten Rechte eingesetzt wird.
Shakespeare jedoch hat die Handlung wesentlich gestrafft und konzentriert, und mit der Figur des Gloster einen parallelen Handlungsstrang eingeflochten. Und er hat aus dem Stoff eine in ihrer Konsequenz grausame Tragödie geschaffen. In ihr entwirft er mit elementarer Wucht die Vision einer komplett aus den Bahnen geworfenen Welt, in der Misstrauen und Neid, Machtgier und Verrat unerbittlich Lears Königreich in den Abgrund reißen. Fernab aller persönlichen Schuld, die seine Figuren auf sich laden, zeichnet Shakespeare das verstörende Bild einer Gesellschaft, in der Jung und Alt Krieg gegeneinander führen.
König Lear zeigt uns, dass zur Wahrung des sozialen Konsens die Einhaltung gewisser moralischer Standards unabdingbar ist.